Wenn Mädchen prügeln: Das schwache Geschlecht schlägt sich durch in "37°: Jung, weiblich, aggressiv" (Di., 14.07., 22.15 Uhr, ZDF)
"Aggressivität bei Jungs in der Pubertät ist in unserer Gesellschaft so normal wie Brötchen beim Bäcker", sagt Filmemacherin Iris Pollatschek. Klar, sie seien heutzutage noch immer gewalttätiger als Mädchen, die dazu neigen, Probleme in sich hineinzufressen oder sich bei Kummer mitunter sogar selbst zu verletzen. Doch ein Trend ist deutlich erkennbar: Die Tendenz bei jugendlicher Gewalt geht zur "Gleichberechtigung". Zwischen 1993 und 2007 hat sich die Zahl der Täterinnen bei Körperverletzungsdelikten verdreifacht. Auffällig werden vor allem Mädchen zwischen zwölf und 16 Jahren. Warum lässt das schwache Geschlecht die Fäuste sprechen? Iris Pollatschek fragt nach in ihrer "37°"-Reportage "Jung, weiblich, aggressiv" (Di., 14.07., 22.15 Uhr, ZDF).
Eine eindeutige Erklärung für dieses Phänomen - das gibt Pollatschek freimütig zu - hat eigentlich niemand. Bei ihren Recherchen traf die erfahrene "37°"-Autorin aber auf viele Experten, die täglich i

n der Praxis mit den jungen Frauen zu tun haben: Jugendgerichtshelfer, Betreuer in WGs, Beschäftigte in Heimen. Immer wieder hört sie: "Die Mädchen von heute sind einfach ganz anders als noch vor 20 Jahren." Die traditionellen Rollenbilder brechen auf.
Die Teenager weinen nicht mehr nur in ihre Kissen: "Wenn die anderen zuschlagen, warum sollte ich mich dann nicht wehren, nur weil ich ein Mädchen bin?", sagt die 17-jährige O. Über das "Wehren" ging es dann aber doch hinaus: "Sobald ich zuschlage, werde ich kurz wach und frage mich: Was machst du hier eigentlich?"
Auch O.s Mutter, eine Grafikdesignerin, ist entsetzt. "Ich kann es nicht fassen, dass das meine Tochter ist." Doch tragen die Eltern dennoch die Schuld am Verhalten ihres Kindes? "Ihr Vater war aufbrausend", sagt Pollatschek. "Die Mutter musste ihn verlassen. Es ging vom Dorf in die Frankfurter Großstadt." O. fühlte sich entwurzelt, nahm sich immer mehr Freiheiten. Eine Erklärung? Vielleicht. "Aber jegliche Ursachenforschung führt nicht zu dem Ergebnis, dass es folgerichtig so kommen musste", sagt die Autorin. "Ich kenne andere Mädchen, die viel Dramatischeres erlebt haben und nicht prügeln."
F. (16) wiederum ist sich ganz sicher, dass die Gründe für ihre Gewaltbereitschaft nicht in ihrem Zuhause zu finden sind. Das zierliche junge Mädchen wurde auf der Straße verprügelt. "Das wollte ich nie wieder erleben", erklärt sie - und wie schön das Gefühl ist, Macht zu haben, sich Respekt zu verschaffen. Der Ausweg aus dieser Gewaltspirale kann gerade für Mädchen besonders schwer sein, wie die Filmemacherin erläutert. "Wenn Jungs sich prügeln, kennen wir das. Wenn aber ein Mädchen zuschlägt, wird es viel schneller als nicht normgerecht empfunden. Mädchen landen schneller bei der Polizei, vor Gericht und in der Psychiatrie, weil die Gesellschaft dieses Verhalten bei ihnen weniger toleriert. Wer diese Schwelle erst einmal überschritten hat, findet schwer wieder zurück."
Daher ist es der Autorin wichtig, niemanden zu stigmatisieren: "Man darf das Verhalten keinesfalls verharmlosen, aber Stigmatisierung ist das Letzte, was diese Mädchen brauchen und was die Gesellschaft braucht. O. macht bei der Reportage mit, weil sie sich erklären will. Sie hat angefangen, ihr Verhalten zu reflektieren
1
·
2