Ijoma Mangold: Munterer Freisprecher

Ijoma Mangold, 1971 geborener Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter, gilt als Wunderkind der deutschen Literaturkritik. Nach acht Jahren als Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" wechselte er vor Kurzem zur Wochenzeitung "Die Zeit" - als stellvertretender Feuilletonchef. Nun folgte die Berufung zum TV-Kritiker in der Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich. Im neuen ZDF-Literaturtalk "Die Vorleser" (ab Freitag, 10.07., 22.30 Uhr) möchte Ijoma Mangold mit Partnerin Amelie Fried eine eigene Marke der Literaturvermittlung via Bildschirm erschaffen. Vor der ersten Sendung betrachtet Zeitungsjournalist und Fernsehnovize Mangold, der 2007 den Berliner Preis der Literaturkritik erhielt, das Medium Flimmerkiste noch mit respektvoll kritischem Staunen.

teleschau: Herr Mangold, als Zeitungsjournalist können Sie kluge lange Texte über Bücher schreiben, an jedem ihrer Sätze feilen. Nun sollen Sie Literatur im Schnellverfahren auf dem Bildschirm vermitteln. Macht Sie der Gedanke an Ihre erste Sendung nervös?

Ijoma Mangold: Für einen Fernseh-Novizen ist das Vorbeirasen der Sendeminuten ein echter Schock. Literatur im Fernsehen bedeutet für mich eine ganz andere Herangehensweise an Bücher. In sechs, sieben Sätzen muss alles erzählt sein. Man muss die Botschaft eigentlich auf einen Leitgedanken pro Werk reduzieren.

teleschau: Was kann man von einem komplexen Buch tatsächlich in wenigen Sätzen rüberbringen?

Mangold: Auf jeden Fall die eigene Begeisterung, die individuelle Reaktion. Das, was dazu geführt hat, dass der Funke übergesprungen ist. Man kann aber auch einen eigenen Gedanken zu einem Werk entwickeln. Warum die Geschichte über das bloße Guterzähltsein eine Relevanz, einen besonderen Gedanken zu unserer Zeit liefert. Was im Fernsehen nicht so gut funktioniert, ist das Abwägen von Stärken und Schwächen eines Buches. Dazu braucht man mehr Zeit und meiner Meinung nach auch die Schriftlichkeit als Basis. Dort kann man besser nuancieren. Wenn wir reden, reden wir immer im Überschwang. Das ist ja auch das Schöne, das den Zuschauer oder Zuhörer bei der Stange hält.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Mangold: Im Fernsehen tendiert der Mensch dazu, das, was er sagen will, verstärkt zu behaupten. Die Fernsehkamera fungiert immer als leichter Übertreiber.

teleschau: Warum funktioniert das nackte Reden über Bücher eigentlich so gut im Fernsehen? Bevor diese Art der Buch-Talkshow populär wurde, hätten ihr viele Experten sicher keine Chance gegeben.

Mangold: Die Durchlässigkeit der Literatur in Richtung Fernsehen ist ein weites Feld. Und in der Geschichte gab es viele gut gemeinte Ansätze, die extrem dröge rüberkamen. Wenn man an Sendungen denkt, in denen Schriftsteller vor irgendeinem Baumstamm aus ihren Werken lasen oder darüber redeten - furchtbar. Auch das schiere Bebildern einer Romanhandlung oder -stimmung wirkt in der Regel ziemlich blutleer. Unsere Form, die dem Medium Fernsehen mit seinem Bedürfnis nach schnell wechselnden Bildern eigentlich gar nicht entspricht, nämlich über ein Buch zu reden, erscheint mir noch die lebendigste und erfolgreichste. Vielleicht weil es letztlich ja doch eine Talkshow ist und sich das Fernsehen für kaum etwas so gut eignet wie für Talkshows - die Simulation eines natürlichen Gespräches

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