"Beethoven, Rap und Träume" - Das fiedelnde Klassenzimmer
Wie Ost-West-Klischees doch täuschen können. Blickt man auf das Panorama des Bremer Stadtteils Osterholz-Tenever, denkt man fast unweigerlich an ostdeutsche Plattenbautristesse. "Urbanität durch Dichte" war hier in den 70er-Jahren das verheerende Motto. Und ein sogenannter Problembezirk ist dieses Tenever noch heute: 90 Nationen hausen hier auf engstem Raum, viele an der Armutsgrenze. Man vermutet hinter den abweisenden Mauern einer fehlgeleiteten Siedlungspolitik denn auch so einiges. Eines der besten Kammerorchester der Welt eher nicht. Doch genau hier hat Filmemacherin Marianne Strauch die Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie besucht. Genauer: in den Räumen der Gesamtschule Ost. "Beethoven, Rap und Träume" heißt ihre Dokumentation aus der Reihe "Unter deutschen Dächern" (ARD). Es ist die Geschichte einer besonderen Wohngemeinschaft.
Mailand, New York, Tokio: An den exklusivsten Adressen sind die Künste der Deutschen Kammerphilharmonie gefragt. Doch seit zwei Jahren teilt man sich beim Mittagessen die Mensabank mit den Kids der Br

emer Gesamtschule. Hier wird geprobt, hier gibt es bisweilen Konzerte, doch eines gibt es ganz gewiss nicht: Berührungsängste.
Klassische Musik, das ist nicht nur aus dem Blickwinkel Bremer Problembengel ein gediegener Zeitvertreib für den Lebensabend kultivierter Akademiker. Doch ausgerechnet im Plattenbaughetto, wo HipHop der letzte Schrei ist, lösen sich Vorbehalte wie selbstverständlich in Luft auf. Man staunt in der Tat nicht schlecht, wie der zwölfjährige Mohammed, Kind marokkanischer Einwanderer, jedes Wochenende mit Stolz die geborgte Tuba in den Wohnblock schleppt. Und mit einiger Rührung verfolgt man, wie sich die 16-jährige Gina, die in einem SOS-Kinderdorf lebt, auf ihr Violinensolo in Begleitung des Weltklasseensembles vorbereitet.
"Plötzlich kann man spüren

, wie die Kinder, die vorher noch so cool waren und eher der Meinung, dass Klassik nur was für alte Leute ist, sich verändern", freut sich Paavo Järvi, einer der berühmtesten Dirigenten der Welt. "Wenn wir nämlich loslegen, wird's laut, fast wie im Rockkonzert." Das beherzte Crossover-Engagement, das auch gewöhnliche Nachhilfe seitens der Musiker einschließt, wurde schon vielfach ausgezeichnet: unter anderem mit dem "Zukunftsaward" und dem "Deutschen Gründerpreis". Doch genau diesen offiziellen Charakter hat dieses gelebte Stück Musikpädagogik ja gerade nicht. Hier erlebt man den viel beschworenen Clash der Kulturen im Alltag. Und siehe da: Das Abendland geht doch nicht unter.
Ausstrahlung am 15.07.2009 um 23:30 Uhr auf ARD
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Autor: Johann Ritter/teleschau - der mediendienst
Bilder:
Radio Bremen
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