Thomas Thieme: Der sensible Koloss

Das Talent zur Kopie sei ihm als Schauspieler nicht in die Wiege gelegt worden - sagt Thomas Thieme, der im Biopic "Der Mann aus der Pfalz" Helmut Kohl verkörpert. Entsprechend dieser Losung kommt der gebürtige Thüringer im ersten großen Film über den Mann, der 16 Jahre lang deutscher Bundeskanzler war, ohne typische "Birne"-Accessoires wie Pfälzer Dialekt und Lispeln aus. Im Interview erzählt Theaterstar Thieme, der in den frühen Jahren der Kohl-Regentschaft aus der DDR ausreiste, wie er als Ostdeutscher den vielfach unterschätzten Koloss erlebte und warum ihn an Kohl am meisten dessen "seltsame Sensibilität" interessierte.

teleschau: Herr Thieme, Sie sind Anfang der 80er-Jahre aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen. Es war in etwa die Zeit, als Helmut Kohl Kanzler wurde. Wie haben Sie ihn in dieser Zeit empfunden?

Thomas Thieme: Als in DDR Sozialisierter war mein erstes Interesse nicht die Politik in der Bundesrepublik, sondern dass ich mich erst mal grundsätzlich zurechtfinde. Zurechtfinden hieß in jener Zeit, sich mit Helmut Kohl zurechtzufinden. Es gab damals eine eindeutige und sichere Position von Helmut Kohl, sodass ich gar nicht groß darüber nachgedacht habe. Ich habe zur Kenntnis genommen, dass es Kohl ist und gut - ich habe mich auch in keiner Weise politisch betätigt in den ersten Jahren in der Bundesrepublik, habe weder Zeit noch Interesse dafür gehabt.

teleschau: Als Helmut Kohl Kanzler wurde, waren Sie noch in der DDR. Können Sie sich daran erinnern, wie der Wechsel der Kanzlerschaft Helmut Schmidts zu Kohl wahrgenommen wurde - die SPD-Kanzler standen für die Öffnung gen Osten? War bei Ihren Mitbürgern Angst vor diesem Kohl zu spüren?

Thieme: Das differenziert sich vor allem sozial, bis heute im Grunde genommen. Die Künstler im Osten waren natürlich links. So wie ich es dann wiederentdeckt habe im Westen. Man kann ganz pauschal sagen: Künstler und Intellektuelle standen links, andere Teile der Bevölkerung eher in Richtung CDU.

teleschau: Aber für was stand nun Helmut Kohl in den Augen der DDR-Bürger?

Thieme: Bei einigen gab es eine unglaubliche Euphorie. Für die Leute, welche die DDR komplett ablehnten, war Kohl eine sehr gute Wahl. Bei denen, die so ein bisschen reformerisch unterwegs waren, war es natürlich das Gegenteil. Da war der alte Brandt immer noch das ganz große Idol.

teleschau: Sie haben einmal gesagt, dass Sie damals nicht vor dem System geflüchtet sind, sondern vor allem wegen der Menschen. Eine Aussage, die Sie vielleicht schon hin und wieder bereut haben. Sie meinten vor allem den Mief in der Gesellschaft ...?

Thieme: Ich vergleiche die alte DDR gern mit einem Hydrosystem. Wissen Sie, was ein Hydrosystem ist? Da kommt gar kein Wasser rein, sondern die Pflanze gibt Feuchtigkeit ab, diese steigt hoch und dann kommt sie wieder runter. Ein völlig hermetisches System, das sich selbst bewässert, was sich aber auch selbst genügt - bis hin zur Selbstzensur. Ich bin überzeugt, es wäre mehr möglich gewesen, wenn es mehr Leute gegeben hätte, die etwas gemacht hätten. Diese Nischengesellschaft hatte etwas Niedliches, Rührendes, fast Putziges

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