"Man kann ja Deutschland mal ne Chance geben": Vier kluge Wendegeschichten in der Filmreihe "Die Mauer ist weg" (ab Mo., 19.10.)

Bei so manchem Fernsehzuschauer mag sich Wendemüdigkeit breitmachen. Ob fiktional oder dokumentarisch - alle großen Geschichten rund um Revolution Ost, Mauerfall und ausbleibende blühende Landschaften scheinen erzählt. Doch wo sich in der Primetime zum 20. Wende-Jubiläum mitunter thematische Redundanz einstellt, hält "Das kleine Fernsehspiel" im ZDF vier überraschende Kostbarkeiten bereit. Filme wie "Die Ex bin ich" (Mo., 19.10., 0.30 Uhr) und "Berlin is in Germany" (Mo., 9.11., 0.35 Uhr), sowie die Dokumentationen "Jeder schweigt von etwas anderem" (Mo., 26.10., 0.15 Uhr) und "Here we come - Breakdance in der DDR" (Mo., 2.11., 0.35 Uhr) beweisen, wie schillernd und spannend man immer noch deutsch-deutsche Geschichte erzählen kann.

"Man kann ja Deutschland mal ne Chance geben", sagt ein trickfilmanimierter Schlaffi, der Anfang der Neunziger durch die noch grauen, von ausrangierten Ostprodukten vermüllten Straßen der Berliner Bezirke Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain zieht. "Ganz Ostberlin war leer, Straßenzüge mit leeren Wohnungen", erinnert sich Bert. "Weil es keine Regierung mehr gab, konnte einem niemand etwas verbieten. Und so wurden wir Hausbesetzer. Wir konnten alles selbst bestimmen. Eine geile Zeit."

Bert muss als Trickfigur auftreten, weil Bert tot ist. Und weil die realfilmische Realisierung des Mauerfalls das Budget der Regisseurin Katrin Rothe sicherlich klar gesprengt hätte. Doch zurück zu Bert. Ein Hausbesetzer im Ostberlin der Nachwendezeit hat sich das Leben genommen, und während seine politisierten Kollegen allzu schnell zur Tagesordnung übergehen, versuchen seine drei Ex-Freundinnen herauszufinden, was mit Bert schiefgelaufen ist.

"Grimme"-Preis-Trägerin Rothe - 2007 gewann sie die Trophäe für die Zeichentrick-Dokusoap "Stell mich ein!" - gelingt es mit ihrem realistisch trockenen und thematisch doch so reichen Low-Budget-Film, die Nischen der deutsch-deutschen Zusammenkunft auszuloten. Welche Träume suchten junge Wessis kurz nach Wende im wilden Osten? Existierte dort für ganz kurze Zeit noch mal eine gesellschaftspolitische Spielwiese, deren Rasenqualität mit den 68er-Mythen der Eltern mithalten konnte?

Dabei konnte man die Zeit der Wende leicht verpassen, wenn man am falschen Ort lebte oder gerade mit etwas Anderem beschäftigt war. So wie Martin Schulz im Filmdrama "Berlin is in Germany" des Regisseurs Hannes Stöhr. Martin hat die Wende nach einem Totschlagdelikt im Zuge der gescheiterten Republikflucht im Knast verbracht. Erst 2001 kommt er frei, seine ehemalige Frau hat längst einen Anderen aus dem Westen, Martins leiblicher Sohn weiß nichts von dessen Existenz. Der von Jörg Schüttauf grandios verkörperte "Spätwendler" will sich nicht abfinden, aus der Zeit gefallen zu sein und kämpft im lakonisch rauen Berlin um seine Existenz.

Es muss eben nicht immer um Flucht, Mauerfall oder Kindertrennung gehen, wenn man 20 Jahre nach dem Ende der DDR über das alte, zweigeteilte Deutschland nachdenkt. Der 70-minütige Dokumentarfilm "Jeder schweigt von etwas anderem" von Marc Bauder und Dörte Franke erzählt von ehemaligen politischen Häftlingen in der DDR. Dabei ist die Dokumentation von 2006 gerade deshalb so interessant, weil sie den Widerstand ihrer Protagonisten nur am Rande erwähnt und sich vielmehr auf die Auswirkungen ihrer Erlebnisse auf heutige Beziehungen und familiäre Verstrickungen konzentriert

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