Armin Rohde: "Ein einziges Leben ist viel zu wenig"

Der Leichtsinn ist nicht mehr sein bester Freund. Doch während Armin Rohde auf einen Interviewtermin wartet, sitzt er im langen Flur des Berliner Hotels auf der Lehne eines Sessels, die Füße von sich gestreckt, die Hände im Schoß gefaltet und pfeift. Er ist grundlos gut gelaunt: Der Schauspieler mit dem Charakterkopf mag das Leben, seinen Beruf und noch etwas anderes sehr: das Schweigen. Dessen positive Seiten sind das Thema beim Gespräch über "Unter Bauern - Retter in der Nacht" (Kinostart: 08.10.), jene einfachen Männer, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges anderen Unterschlupf gewährten. Rohde steht als der jüdische Kaufmann Menne Spiegel im Fokus, versteckt sich, leidet. Der 54-Jährige ist in dieser ernsten Rolle kaum wiederzuerkennen. Tatsächlich brachte ihn die authentische Romanverfilmung dazu, sich nicht mehr im Spiegel zu grüßen.

teleschau: Sagen Sie, ist das schlimm, wenn Bart und Haare fehlen?

Armin Rohde: Ich hatte sowieso eine Glatze, weil ich zuvor fürs Kino Albert Einstein gespielt habe und der Kopf für die Geniemähne frei sein sollte. Aber ich mag mich mit Haaren und Schnäuzer lieber. Für die Rollen war es richtig, doch in den vier Monaten mit dem fremden Gesicht habe ich mich nicht im Spiegel gegrüßt.

teleschau: Nimmt es Sie mit, wenn Sie eine tragische Produktion wie "Unter Bauern" drehen?

Rohde: Je trauriger das Thema, umso größer das Bedürfnis der Schauspieler, Witze zu reißen. Die Leichtigkeit muss man sich bewahren, denn das Gefühl allein ist ja kein Ausdruck, er muss hergestellt werden. Mit Schwere kriegst du nicht zwangsläufig Gefühle richtig gespielt, genaues Denken ist die wichtigere Aufgabe dabei.

teleschau: In "Unter Bauern" werden Sie immer schweigsamer. Wie schwierig war es, so wenig zu sprechen?

Rohde: Das genieße ich unendlich. Viele Drehbücher neigen zu zu vielen Worten. Es wird ausgesprochen, was man ohnehin sieht. Doch Film ist nicht Hörspiel. Ich mag es, wenn ich in einer Rolle nur schaue oder zuhöre. Ich glaube, Zuhören ist das Wichtigste für einen Schauspieler.

teleschau: Das kommt so überzeugt, als halten Sie das auch privat gerne mal ohne Worte aus.

Rohde: In diesem Beruf ist man eine regelrechte Kommunikationsmaschine, man muss sich auf andere einstellen und schnell reagieren. Ich habe zu Hause Gott sei Dank eine Partnerin an meiner Seite, mit der ich auch schweigen kann, was nicht heißt, dass wir nicht miteinander reden. Aber sie empfindet es nicht als verbiestert, wenn ich mal nichts sage. Ich hänge nur Gedanken nach - und sie weiß, dass sie sich davon nicht bedroht fühlen muss. Ich mag die Stille, denn in meinem Kopf ist es ohnehin laut genug, da ist manchmal Kirmes.

teleschau: Wie laut ist es da denn?

Rohde: Da reden ständig Leute miteinander. Nicht so psychomäßig ... (lacht) Aber ich habe mal nachgerechnet, circa 150 Rollen hinterlassen eben ihre Spuren. Mir ist ein einziges Leben viel zu wenig. Ich darf mehrere leben, und es bleibt von jedem ein wenig zurück. Man sollte sich nicht einreden, eine immer gleich einsatzbereite, klar handelnde, jederzeit aufgeräumte Einheit zu sein. So zu denken, kann einen nur in Verzweiflung stürzen. Damit überfordert man sich. Erinnern Sie sich an den Erfolgstitel "Wer bin ich und wenn ja wie viele?"

teleschau: Der Bestseller von Richard David Precht, ja

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