Ein Song für jede Stunde: Jamie Lidell vertont auf "Jim" einen Teil seiner Persönlichkeit

(tsch) Es war eine der Überraschungen des Jahres 2006: Jamie Lidell, ehemals Supercollider, veröffentlichte beim Londoner Indie-Label Warp sein zweites Solo-Album "Multiply". Eigentlich war's sein Debüt: Der Vorgänger datierte a) irgendwann in den 90er-Jahren, b) klang völlig anders und c) interessierte damals so gar niemanden. Mit dem satten Soul von "Multiply" und dem hektischen Funk der Single "When I Come Back Around" spielte sich Lidell schnell in die Herzen der Kritiker. Jetzt ist "Jim" da. Oder besser: Jetzt ist er "Jim". Und veröffentlicht eine Platte, die das Prinzip des Vorgängers noch einmal potenziert und sich irgendwo zwischen Sixties-Soul, Groove und den großen Wiederkommern der 90er-Jahre ansiedelt.

Jamie Lidell hat gute Laune. Und er hat relativ viel Zeit mitgebracht. In eigenem Interesse, denn er redet eine Menge. Und er hört auch hin und wundert sich manchmal ein bisschen, zumindest was die bisherige Rezeption von "Jim" angeht: "Die meisten Leute sagen: 'Hey, das ist ja eine 60er-Jahre-Platte.' Das war mir eigentlich nie so klar. Ich finde das eher 70er-Jahre. Aber das ist vielleicht auch so ein bisschen Klugscheißerei." Der Ansatz des Albums war schließlich einer, der weniger mit einer bestimmten Zeitspanne als mit einem Prinzip zu tun hatte. "Ich wollte das, was ich auf 'Multiply' gelernt hatte, ausbauen. Und ich wollte die Möglichkeiten der Kolaboration von mir und Mocky ausloten." Mocky, dieser crazy kanadische Exilant in Berlin, produzierte - aber tat mehr als nur das: "Mocky spielte eine wahnsinnig wichtige Rolle auf diesem Album. Er ist so etwas wie meine rechte Hand und essenziell für die Platte. Eigentlich ist es falsch, die Platte nur unter meinem Namen zu veröffentlichen. Sie hat auch mit ihm sehr viel zu tun."

Das eben erwähnte Prinzip von "Multiply", das war Soul. Aber eben mit limitierten Möglichkeiten und einem wahnsinnig niedrigen Budget: ""Multiply' war echt viel Arbeit. Ich habe da alles alleine gemacht und musste mich von einem elektronischen Künstler zu einem analogen wandeln. Die Plattenfirma war dementsprechend skeptisch. Sie haben da nicht sehr viel Geld investiert, weil sie einfach nicht glauben konnten, das es funktionieren würde." Was der Platte gut tat, war schließlich ihr Erfolg in Amerika. Lidell tourte mit Beck, war auf dem Soundtrack von "Greys Anatomy" zu hören und lieferte sogar die Musik zu einem Werbeclip. "In den USA funktioniert der Markt ganz anders - einfach, weil das Land so groß ist", erklärt er. "Da muss man anders arbeiten. Es ist nicht so, dass ich von der Idee des Werbeclips begeistert war. Aber es erschien mir eine gute Möglichkeit, meinen Bekanntheitsgrad rasch zu steigern."

"Jim" profitiert in vielfacher Hinsicht vom Vorgänger. Erfahrungsschatz, finanzielle Reserve, Songwriting: All das hob sich auf so eine Art 2.0-Variante des Vorgängers. Und: Lidell und Mocky sowie der ebenfalls am Album beteiligte Gonzales konnten sich für die Aufnahmen nach Los Angeles begeben. "Es sollten zehn Pop-Nuggets entstehen, die einfach ihren Job erledigen. Ich hatte schon so etwas wie einen Hit-Anspruch und auch ein Konzept. Auf eine gewisse Art und Weise ist 'Jim' sehr handwerklich." Doch dass beim Produktionsprozess zwischen allen Beteiligten Magie herrschte, dass jenseits aller Reißbrettarbeit etwas entsteht, das doch mehr als die Summe der einzelnen Teile ist, das erkennt man schnell

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