Durch die Nacht mit ... Der Testlauf der "Niels Ruf Show" im Free-TV (ab 18.4., 23.15 Uhr, Sat.1) macht wieder auf Hoffnung auf eine echte Late Night

(tsch) Seit Längerem gibt es im deutschen Fernsehen eine vakante Vollzeitstelle, die sich nur schwer vermitteln lässt. Eigentlich ein Renommee-Job. Doch die Arbeitszeiten sind ungünstig und das Medienecho kann mitunter brutal sein. Jeder Quotenausrutscher, jeder müde Gag wird in der Late Night zum gefundenes Fressen für die Presse im Allgemeinen und die Feuilletonisten im Speziellen. Geeignete Kandidaten wie Barbara Schöneberger oder Christoph Maria Herbst winken aus Sorge ums eigene Image ab - der Fall von Anke Engelke hallt noch immer nach. Aber es gibt andere Hoffnungsträger, sofern man von der klassischen Vorstellung des intellektuellen Meinungsmachers abrückt und sich eher an den amtierenden Late-Night-Godfather in Teilzeit, Harald Schmidt, hält: "Es kommt darauf an, ob jemand den notwendigen bösen Blick hat. Und er muss in der Lage sein, Dinge verknappt auf den Punkt zu bringen."

Einer, der das mittlerweile ganz gut kann, ist sein designierter Nachfolger Oliver Pocher. Das einstige VIVA- und ProSieben-Schandmaul hat bei Schmidt gelernt, nicht mehr über seine eigenen Zoten zu lachen, darbt derzeit aber etwas im Schatten des Mentors. Zudem wirkt der 30-jährige Entertainer bei der ARD wie ein Fremdkörper, der in Kombination mit Schmidt geduldet wird, es ohne ihn aber schwer haben dürfte. Eine Zwickmühle für Pocher, der deshalb nur allzu gerne die Flucht ergreift, wenn sich ihm die Chance bietet - auch wenn das bedeutet, mit seinen ehemaligen VIVA-Kolleginnen Collien und Gülcan die "Comet"-Verleihung (23.5.) zu moderieren. Gleichzeitig ist jedoch in der glücklichen Lage, anderen dabei zuzusehen, wie sich sich an der Late Night versuchen - und scheitern, wie zuletzt Daniel Hartwich bei RTL. Der sollte die neue Comedyhoffnung von RTL am Freitagabend sein, wurde trotz einiger pfiffiger Ideen und offener Ansätze mittlerweile jedoch in die Samstagnacht verbannt.

Etwas mehr Erfolg dürfte vielleicht einer haben, der lange Zeit als Enfant terrible des deutschen Fernsehens galt, aber die Late Night lebt, wie kaum ein anderer: Niels Ruf. Seit Ende 2006 moderiert der rotzfreche Ex von Anke Engelke beim Pay-TV-Kanal Sat.1 Comedy - sprich: unter Ausschluss der Öffentlichkeit - die "Die Niels Ruf Show" (freitags, 20.15 Uhr). Und den Programmverantwortlichen scheint zu gefallen, was Ruf da nach amerikanischen Vorbildern in der Hauptstadt produziert. Denn nun bekommt der 34-Jährige, der sich zuletzt auch als Schauspieler in der eilig abgesetzten RTL-Serie "Herzog" versuchte, seine Chance im Free-TV. Ab 18. April wird seine Show testweise immer freitags um 23.15 Uhr bei Sat.1 zu sehen sein. Ausgerechnet bei den Berlinern, die seit Anke Engelke gebrannte Late-Night-Kinder sind.

Mit dem Probelauf seiner Show im Free-TV gebe er etwas von seiner "komfortablen Situation" auf, sagt Ruf. Bislang hatte er keinen Quoten-Druck, und auch die öffentliche Aufmerksamkeit war beim Spartenkanal eher gering. "Die Leute bespucken mich nicht auf der Straße, weil sie's einfach nicht gesehen haben." Nun also wieder das volle Programm - und das auf einem für bitter-böse Late Night eher ungünstigen Sendeplatz. Inmitten des harmlos-doofen "Fun-Freitags" soll Ruf für die nötige Schärfe sorgen. Aber alternative Wochentage gibt es nicht. Stefan Raabs Daily-Comedy-Show, die vor Kurzem wieder fest auf 23.15 Uhr installiert wurde, schwächelt ohnehin schon zur Genüge. Ein Konkurrent aus eigenem Hause, berüchtigt für seinen Zynismus und berühmt wegen seiner VIVA-2-Riot "Kamikaze", würde zusätzlich am Thron des selbsternannten "König Lustig" sägen

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