Jürgen Heinrich: "Es war die schönste Nacht meines Lebens"

(tsch) "Es war der größte Umzug meines Lebens, aber auch der kürzeste", so erinnert sich der Schauspieler Jürgen Heinrich an das Jahr 1985, in dem er Ostberlin verließ, um mit Kind und Kegel in den Westen überzusiedeln. Vom Prenzlauer Berg nach Lankwitz / Steglitz. Ein kurzer, aber beschwerlicher Weg, zu Zeiten der Mauer. 40 Filme hatte er in zwölf Jahren zuvor im Osten gedreht, 1980 hatten ihn die Leser einer Jugendzeitschrift gar zum "beliebtesten Schauspieler der DDR" gewählt. Immer wieder führen ihn Filme thematisch in jene Zeit zurück. Erst im vergangenen Jahr spielte Heinrich im ZDF-Drama "An die Grenze" einen Durchhalte-Offizier der Nationalen Volksarmee. Vor eher unsympathischen Charakteren ist er ohnedies nie zurückgeschreckt. In der anspruchsvollen "SOKO Leipzig"-Folge "Unerwarteter Nahschuss" (Fr., 11.04., 21.15 Uhr, ZDF) ist er nun gar einer der amtshöchsten Richter der DDR, der "Staatsfeinde" zum Tod verurteilte. 200 sollen es in der DDR insgesamt bis 1987 gewesen sein. Erst wurden sie durch die Guillotine, später durch einen "unerwarteten" heimlichen Pistolenschuss hingerichtet.

Heinrich spielt - mit SOKO-Chef Andreas Schmidt-Schaller als Antipoden - ein intensives Kriminaldrama, das die üblichen Grenzen des Serien-Genres sprengt. Sein Richter, der zu Wendezeiten die Identität gewechselt hat, glaubt noch immer "im Recht" zu sein und nach wie vor am langen Hebel zu sitzen.

Gelassen spricht Heinrich über die Rolle und das Unrecht, das damals geschah. Der 1945 in Mecklenburg geborene Schauspieler und Familienvater bekennt offen, zunächst ein hoffnungsvoller Parteigänger des Arbeiter- und Bauernstaates gewesen zu sein. Doch bereits während des Studiums an der Theaterhochschule in Leipzig kam es Mitte der 60er-Jahre zu ersten Konflikten - Heinrich musste die Hochschule zwischenzeitlich verlassen und leistete seinen Militärdienst an der innerdeutschen Grenze.

Die erhoffte Öffnung blieb aus, mit dem Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in Prag, dann mit dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan konnte der Schauspieler nicht einverstanden sein. Als er dann gar in der sowjetisch gelenkten Mongolei nahe der Hauptstadt Ulan-Bator zu Dreharbeiten für einen DDR-Indianerfilm weilte ("Der Scout") und miterleben musste, wie in der dortigen Chinatown am Rande der Hauptstadt die chinesische Minderheit verfolgt, dikriminiert und in Lagern evakuiert wurde, war es mit seiner Begeisterung für den real existierenden Sozialismus zu Ende.

Einem offen geäußerten Protest folgte das faktische Berufsverbot: "Von einem Tag zum anderen hatte ich keine Chance mehr, egal, ob nun am Deutschen Theater, im 'Palast der Republik' oder beim Film."

Die Zeit bis zur 1985 bewilligten Ausreise überbrückte Heinrich als Taxifahrer und - vor allem - als begehrter Schneider von Herrenhosen. Dieses Handwerk beherrschte er perfekt. "Ich nähte acht Stück am Tag", so erinnert er sich, "verkaufte sie für 120 DDR-Mark pro Stück". Das ging oft drei Wochen lang - ohne jede Pause. "Manchmal habe ich gedacht, ich muss die Maschine zerstören", sagt Heinrich, "aber ich wollte möglichst viel produzieren, solange es die gute Nachfrage gab." Zudem dachte er damals ja auch: "Die lassen dich hier niemals raus." Schließlich hatte er ja "auf Kosten des Volkes studiert. Wenn so einer öffentlich protestierte, galt er als Verräter."

Heute lebt Heinrich noch immer im Westen Berlins, in Friedenau. "Einmal Westen, immer Westen", sagt er. Damals, bei der Ausreise hatte ein Freund noch ein paar Wochen lang drüben die Miete bezahlt, bis eine neue Wohnung gefunden war. Die Kinder waren sieben und zehn Jahre alt, nun verloren sie ihre Freunde

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